Zurück zur Übersicht
Artikel
2. März 2026

Trust-as-a-service: Medienmarken im Zeitalter von Agentic AI

von Emke Hillrichs

Es beginnt mit einer unangenehmen Frage: Wozu brauche ich eigentlich noch eine Medienmarke, warum Deutschlandfunk hören oder den Tagesspiegel lesen, wenn mir eine KI morgens zusammenstellt, was ich wissen muss: schneller, personalisierter und ohne Umwege? Diese Frage treibt informationsorientierte Medien derzeit um. Und sie sollten sie sich laut stellen, bevor die Geschwindigkeit des Marktes die Antwort für sie formuliert. Und Märkte sind selten gnädig.

Die neue Konkurrenz sitzt nicht im Newsroom

Lange war klar, wer wem Konkurrenz macht: Zeitung gegen Zeitung, Podcast gegen Podcast, Streamer gegen Sender. Das Spielfeld war abgesteckt, die Spieler:innen kannten sich.

Doch die Spielregeln haben sich heute grundlegend geändert. Heute klemmen sich Large Language Models als mächtige Intermediäre zwischen meine präferierten Medienanbieter und mich als Nutzer. Sie kompilieren Nachrichten, liefern Rezepte, empfehlen Reiseziele, fassen Daten und auch Debatten für die Meinungsbildung zusammen. Kurzum: Sie übernehmen exakt das, wofür ich bislang das Relevant Set meines Vertrauens, von tagesschau und rbb über RTL bis hin zu Wikipedia, genutzt habe. Früher fragte ich mich, wen frage ich vertrauensvoll bei welchem Thema? Diese Präferenzbildung war bisher die ureigene Domäne von Marken. Jetzt liegt sie zunehmend in den Händen von Sprachmodellen.

Agentic AI geht dabei noch einen Schritt weiter. KI-Systeme, die nicht nur antworten, sondern eigenständig planen, handeln und Aufgaben erledigen. Für viele Nutzerinnen und Nutzer werden diese Systeme zum persönlichen Tagesbegleiter, der sie mit Infos, Meinung(sbildung), Service und Unterhaltung versorgt. Die absendende Medienmarke wird dabei von ihren Inhalten entkoppelt. Sie taucht nicht mehr auf und wird nicht mehr erlebt. Doch Sichtbarkeit war schon immer die Grundvoraussetzung für (Marken-)Relevanz. Auch im KI-Zeitalter gilt das weiterhin, das hat sich nicht geändert.

Zwei Hausaufgaben – und eine ist dringender als die andere

Ezra Eeman (Strategy & Innovation bei NPO Netherlands) bringt die doppelte Herausforderung auf einen prägnanten Zweiklang: „AI in meine Medienmarke packen - und meine Medienmarke in AI packen."
Ersteres passiert bereits. Medienhäuser weltweit automatisieren redaktionelle Workflows, beschleunigen die Content-Produktion, experimentieren mit generativen Tools für Text, Bild und Audio. Absolut richtig und wichtig für die operative Effizienz.
Die zweite Hausaufgabe ist strategisch fast noch komplexer und weitreichender: meine Medienmarke in AI packen. Wie bleibe ich wahrnehmbar, differenzierend und vertrauenswürdig?

Medien in AI heißt Sichtbarkeit im Maschinenraum aktiv steuern

Medienhäuser müssen wissen, wie Sprachmodelle über sie urteilen. Der Algorithmic Brand Gap muss für Sichtbarkeit geschlossen werden. Also die Lücke zwischen dem, was eine Marke über sich denkt, und dem, was Maschinen über sie denken. Wer diesen Gap ignoriert, verschwindet im System. Welche Attribute verknüpfen LLMs mit ihrer Marke? In welchen Kontexten tauchen sie auf, wo nicht? Wie werden sie im Vergleich zum Wettbewerb positioniert? Wo liegen blinde Flecken?
Diese Fragen klingen zunächst technisch, sind aber im Kern markenstrategisch. Markenführung in Organisationen muss sich diese Disziplin draufschaffen. Das erfordert oftmals neue Rollen und Skills, die Marke in LLMs analysieren und führen.

Medien in AI heißt Markenhaltung als strategische Chance verstehen

Je mehr KI-generierter Content den Informationsraum flutet (Content Slop, ein Überangebot an generischen, schwer verifizierbaren Inhalten), desto größer wird die Nachfrage nach verlässlichen Quellen. Dies ist kein Wunschdenken, sondern systemische Logik: Vertrauen wird zur knappen Ressource, wenn Glaubwürdigkeit inflationär behandelt wird. Barry Schwartz' Paradox of Choice beschreibt, wie mehr Auswahl ab einem bestimmten Punkt nicht zu besseren Entscheidungen führt, sondern zu Entscheidungslähmung und Frustration.
In einer Welt mit nahezu unbegrenzt verfügbarem Content werden Medienmarken als Orientierungsinstanz in der Überforderung der Nutzer:innen wieder wichtiger. Gute Nachrichten für das Produkt „Unabhängiger Journalismus“.

Wir bei diffferent sehen drei Chancen und Mehrwerte gut geführter Medienmarken im KI-Zeitalter:

  1. Komplexität reduzieren: Die klarste Marke wird am häufigsten erwähnt, empfohlen und prominenter inszeniert, z.B. auch von LLMs.

  2. Vertrauen bilden: Sie transportieren das gute Gefühl von Verlässlichkeit in die redaktionellen Leistungen.

  3. Unterscheidbar bleiben: Die Haltung von Medienmarken ist nicht kopierbar, insbesondere die Übersetzung in Inhalte ist nur schlecht replizierbar.

Aber wie bringt man seine Marke „rüber“?

Bisher haben viele Medien ihre Marke vor allem über Kampagnen und seltene Leuchtturm-Inhalte kommuniziert, oft losgelöst vom redaktionellen Alltag. Das reichte, solange Marke und Content auf denselben Plattformen erschienen und Nutzerinnen und Nutzer den Weg direkt zur Quelle fanden. Doch KI-Intermediäre zerlegen diese kommunikationsstrategische Logik.

Wie gelingt es, diese klare Markenhaltung zu entwickeln und zu beweisen? Unsere drei strategischen Leitfragen helfen:

DEFINITION: Wofür steht unsere Marke – jenseits von Content?

  • Was ist der Kern, der nicht skalierbar kopierbar ist?
  • Denn wie sollte ein AI-Agent unsere Marke auf den Punkt bringen, wenn wir es selber nicht können?- -

ZUGANG: Wie machen wir unsere Marke für KI zugänglich?

  • Sind unsere Markenwerte und -botschaften so klar definiert, dass sie für uns gut steuerbar und für KI-Agenten zuverlässig umsetzbar sind?
  • Sind unsere Leistungsversprechen so aufbereitet, dass KI-Systeme sie finden & zitieren (GEO als neue Markenführungsdisziplin)?

ERLEBBARKEIT: Wo und wie beweisen wir unsere Marken täglich?

  • Welche Touchpoints kontrollieren wir direkt, wo erreichen wir unsere Nutzer:innen, ohne durch KI gefiltert zu werden?
  • Wie integrieren wir unseren Haltung wiedererkennbar in jedem redaktionellen Inhalt, Format und Touchpoint?

Fazit: Medienmarken sind „Trust-as-a-Service“

Wer Marke nicht als Kampagnenbotschaft, sondern als Leitplanke des Handelns versteht, findet im KI-Zeitalter neue Möglichkeiten zur Differenzierung. Denn das nächste „Content-Game“ wird weniger über Masse als vielmehr über Glaubwürdigkeit entschieden.

KI-Plattformen ihrerseits werden verlässliche, verifizierte Quellen benötigen – schon aus eigenem Interesse, um den eigenen Output abzusichern. Klar positionierte Medienmarken, die ihre Vertrauenswürdigkeit täglich beweisen, können zur „Vertrauens-API“ werden. Vom reinen Content-Lieferanten zur Schnittstelle für den „Einstieg in die Glaubwürdigkeit“.

Der Content-Verkauf, egal ob öffentlich-rechtlicher Beitrag oder Paywall, wird noch stärker zum Trust-as-a-Service: Menschen abonnieren nicht Inhalte, sondern eine Verlässlichkeit in Information und das gute Gefühl des Verstandenwerdens in Lifestyle und Unterhaltung.

Emke Hillrichs

Director Brand Strategy & Transformation, diffferent

"Bisher haben viele Medien ihre Marke vor allem über Kampagnen und seltene Leuchtturm-Inhalte kommuniziert, oft losgelöst vom redaktionellen Alltag. Das reichte, solange Marke und Content auf denselben Plattformen erschienen und Nutzerinnen und Nutzer den Weg direkt zur Quelle fanden. Doch KI-Intermediäre zerlegen diese kommunikationsstrategische Logik."

Wir freuen uns über Projektanfragen